Wetter im Wandel

Das erste Begleitbuch zum Funkkolleg “Mensch und Klima” von hr2-kultur hält Skurriles und Nachdenkliches zum Thema Wetter bereit.

Der bunte Themenbogen spannt sich von Arktisforschern, die auf einer Eisscholle treiben, über außerirdische Wissenschaftler, die über das Schicksal der ausgestorbenen Menschheit rätseln bis hin zu den Supercomputern, die unser Wetter vorhersagen sollen.

Bis zum Beginn des Funkkollegs am 30. Oktober 2010 erzählt unsere Mitarbeiterin Almut Bick Ihnen jede Woche von einer Geschichte aus dem Buch, die sie staunen, schmunzeln oder nachdenken ließ.

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Zeitreise durch die Klimageschichte

Meteorologe Sven Plöger ist seit über zehn Jahren in Funk und Fernsehen für Wettervorhersagen zuständig. In „Wetter im Wandel“ wirft er einen Blick zurück, – bis zu den Anfängen unseres Planeten.

Vier Atmosphären hatte unser Planet schon.

Als erstes hatte gab es kurz eine Uratmosphäre aus Wasserstoff und Helium. Diese blies der Sonnenwind jedoch schnell fort.

Vor gut vier Milliarden Jahren kühlte sich die Erde dann auf unter 100 Grad Celsius ab. Die Erdkruste bildete sich. Jetzt entstand eine neue Atmosphäre, da durch die Krustenbildung, durch Vulkanismus und durch den Einschlag unzähliger, mehrere 100 Kilometer großer Gesteinsbrocken eine Menge Gase freigesetzt wurden. Diese neue Atmosphäre enthielt nun 70 Prozent Wasserdampf und 25 Prozent Kohlendioxid. Sauerstoff aber gab es noch nicht!

Unser Planet wurde immer kälter. Der Wasserdampf aus der Atmosphäre kondensierte. Es regnete 40 000 Jahre lang. Pro Tag fielen 3000 Liter Wasser pro Quadratmeter vom Himmel. Die Ozeane entstanden – und eine neue Atmosphäre aus Stickstoff und Kohlendioxid. Sie war überlebenswichtig für unseren Planeten: Ohne den natürlichen Treibhauseffekt darunter, wäre er am Ende zu Eis erstarrt.

Sauerstoff begannen Blaualgen dann endlich vor gut drei Milliarden Jahren zu produzieren. Eine Ozonschicht bildete sich, die das aufkommende Leben außerhalb des Wassers gegen kurzwellige Sonnenstrahlen schützte.

Damit war die vierte Atmosphäre der Erde entstanden, die in ihren Hauptbestandteilen schon unserer heutigen glich…

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Goethe und das Wetter

Goethe war ein passionierter Naturforscher und interessierte sich auch für Meteorologie. Er widmete den von Luke Howard (1772-1864) definierten Wolkenformen sogar Gedichte.

Zirrus
Doch immer höher steigt der edle Drang!
Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
Ein Aufgehäuftes flockig löst sich’s auf,
Wie Schäflein trippelnd, leichtgekämmt zu Hauf.
So fließt zuletzt was unten leicht entstand
Dem Vater oben still in Schoß und Hand.
Stratus
Wenn von dem stillen Wasserspiegel-Plan
Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint
Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
Erquickt erfreute Kinder, o Natur!
Dann hebt sich’s wohl am Berge, sammelnd breit
An Streife Streifen, so umdüstert’s weit
Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
Ob’s fallend wässert, oder luftig steigt.
Kumulus
Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
Der tüchtige Gehalt berufen wäre
Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,
Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
Und was Ihr fürchtet und auch wohl erlebt
Wie’s oben drohet, so es unten bebt.
Nimbus
Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
Herabgezogen, was sich hochgeballt,
In Donnerwettern wütend sich ergehn,
Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –
Der Erde tätig-leidendes Geschick! –
Doch mit dem Bilde hebet Euren Blick:
Die Rede geht herab, denn sie beschreibt,
Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.
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Supercomputer, Schmetterlinge und Spaghetti

Diplom-Meteorologe Dieter Walch moderierte lange den Wetterbericht beim ZDF. Im Begleitband des Funkkollegs erklärt er, wie eine Wettervorhersage entsteht.

Monatelang rechnete Lewis F. Richardson 1922 für die erste Wettervorhersage der Welt. Sie galt nur für sechs Stunden im Voraus. Leider sagte sie Druckveränderungen in einer Höhe voraus, die nicht realistisch sein konnten. Entmutigt von diesem Fehlschlag, traute man sich jahrzehntelang nicht mehr an eine Wettervorhersage, die auf mathematischen Gleichungen basierte. Erst 1949 konnte Jule Charney, ein amerikanischer Meteorologe, beweisen, dass eine, zumindest kurzfristige Vorhersage so möglich war.

Heute ist wegen der erforderlichen hohen Rechenleistungen der Supercomputer des Meteorologen bester Freund: „Sie müssen Gleichungen lösen, die komplizierter sind als diejenigen, mit denen z.B. Ingenieure das Verhalten von Flugzeugen simulieren.“

Dennoch ist schon die Wettervorhersage für den nächsten Tag schwierig. Und auch in Zukunft werden wir niemals fähig sein, das Wetter zwei Wochen im Voraus vorherzusagen. Nach der „Chaos-Theorie“ ist jede Vorhersage fehlerhaft, – nicht nur die des Wetters. Meteorologen wie Dieter Walch nennen die Auswirkungen der Chaos-Theorie den „Schmetterlings-Effekt“: „Wenn ein Schmetterling in Florida mit den Flügeln schlägt, kann das zur Folge haben, dass wir in Mitteleuropa Schnee schaufeln müssen.“

Um solche überraschenden Wetterwendungen dennoch erahnen zu können, gibt es die „Spaghetti-Methode“

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Bloß keine Sommersprossen!

Simone Tavenrath hat eine Kulturgeschichte des Sonnnenbadens geschrieben. In dem Textauszug, der in „Wetter im Wandel“ zu lesen ist, geht es um Badekarren, Strandregeln und verpönte Sonnenbräune.

 

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts erkannten britische Ärzte als Erste die Heilwirkung von Meerwasser und errichteten Badeanstalten für Kranke. 1794 wurde dann „Am Heiligen Damm“ an der Ostseeküste auch das erste große deutsche Seebad gebaut – mit Gesellschaftshaus, Schauspielhaus und Kurorchester. Sonnenbaden am Stand wie wir es heutzutage kennen, spielte damals aber keine Rolle. Stattdessen ging man vollständig bekleidet an den Strand: Mit Hut, Handschuhen und Sonnenschrim. Sommersprossen oder gar Sonnenbräune wollte keine Dame der gehobenen Schicht bekommen.

Die Oberschicht stieg auch nicht vom Strand aus einfach ins Wasser, sondern ließ sich mit Badeschaluppen oder von Pferden gezogenen Badekarren ins Wasser bringen. Auf dem Badekarren befand sich eine Umkleidekabine, in der auch ein Badediener oder eine Badewärterin dem Badelustigen beim Umziehen half.

Vor allem in Deutschland herrschte im Badebetrieb strenge Geschlechtertrennung. In Swinemünde beispielsweise war der Strand in fünf Abschnitte geteilt: Je eine für die Männer der Ober- und der Unterschicht, danach ein etwa fünf Hundert Meter breiter freier Streifen, auf den zwei Bereiche wiederum für die Damen der gehobeneren Schichten und für die Frauen der Unterschicht folgten.

Simone Tavenrath: So wundervoll sonnengebräunt — Kleine Kulturgeschichte des Sonnenbadens

Simone Tavenrath: So wundervoll sonnengebräunt

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Außerirdische rätseln: Haben wir versucht uns umzubringen?

Im Begleitband des Funkkollegs können Sie einen Auszug aus Alan Weismans Buch „Die Welt ohne uns“ lesen. Daraus stammt dieses ungewöhnliche Gedankenexperiment:

Die Fakten: John Bennet Lawes errichtete 1841 die erste Kunstdüngerfabrik der Welt. Er experimentierte mit allerhand Düngemitteln auf Versuchsfeldern und begann Proben von Böden und Pflanzen zu nehmen, die darauf wuchsen. In einer Scheune in Hertfordshire lagert heute noch ein beispielloses Archiv: 300.000 Bodenproben aus mehr als 160 Jahren, in denen der Mensch die Erde veränderte.

Alan Weisman stellt sich nun besonderen Besuch in diesem Archiv vor: Zu einer Zeit, als die Menschheit längst ausgestorben ist, untersuchen außerirdische Wissenschaftler die Bodenproben. Die ersten Böden sind noch relativ neutral, aber Anfang des 20. Jahrhunderts werden sie auf einmal sauer, der pH-Wert nimmt ab. Zu Beginn der 1950er Jahre enthält die Erde Hertfordshires dann Spuren von Plutonium, – Zeugen von Atomwaffentests der USA und der Sowjetunion. Am Ende des 20. Jahrhunderts tauchen im Ackerboden immer mehr für Menschen extrem schädliche Stoffe auf: polychlorierte Biphenyle aus der Kunststoffherstellung, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe aus Pestiziden und Herbiziden oder auch Dioxine.

Spätestens an diesem Punkt, vermutet Weisman, werden sich die außerirdischen Wissenschaftler fragen, ob wir uns selbst umbringen wollten.

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Blitzschlag und Musik

Eine unglaubliche Wetter-Geschichte erzählt der New Yorker Neurologe Oliver Sacks in seinem Buch „Der einarmige Pianist“. Die ganze Begebenheit und die neurologischen Schlussfolgerungen können Sie in „Wetter im Wandel“ lesen. Hier nur ein Appetithappen:

Es ist ein angenehmer Herbstnachmittag am See. Tony Cicoria ist 42 Jahre alt, gesund und durchtrainiert. Als er zu der Telefonzelle geht, um seine Mutter anzurufen, sieht er in der Ferne Gewitterwolken aufziehen. Nach dem Gespräch legt seine Mutter auf, dann passiert es:

Ein Blitz kommt aus dem Telefon geschossen, trifft ihn im Gesicht und tritt an seinem linken Fuß wieder aus. Tony Cicoria muss wiederbelebt werden. Ein Kardiologe, der ihn untersucht meint, er müsse einen Herzstillstand gehabt haben. Ansonsten sei er aber gesund. Cicoria fühlt sich nur noch einige Zeit schlapp, auch die anfänglichen Gedächtnisprobleme sind nach vier Wochen verschwunden.

Doch dann, urplötzlich überkommt ihn ein unstillbares Verlangen nach Klaviermusik. Als Kind hatte er einige Klavierstunden genommen, war aber nicht besonders interessiert gewesen. Wenn er vor diesem Tag Musik hören wollte, dann war es Rockmusik gewesen. Nun kauft er sich nicht nur unzählige Aufnahmen von Klaviermusik, sondern auch die Noten dazu. Er will sie selber spielen. Dann beginnt er in seinem Kopf eigene Musik zu hören. Die Musik in seinem Kopf hört nicht mehr auf. Bald hat er für kaum etwas anderes mehr Zeit. Er ist wie besessen. Hatte sich sein Gehirn nach dem Blitzschlag verändert, irgendwie neu organisiert?

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Auf einer Eisscholle durch die Polarnacht

Die Sowjetunion hat vor gut 70 Jahren eine ungewöhnliche Art der Arktisforschung erfunden: Sie ließ Wissenschaftler der Natur ausgeliefert auf Eisschollen durchs Polarmeer treiben.

Einen Auszug aus den Erinnerungen Iwan Papanins, der die Leitung über die erste dieser „Eisdriftstationen“ hatte, können Sie in „Wetter im Wandel“ nachlesen. Hier bekommen Sie einen Vorgeschmack auf das tollkühne Unternehmen.

21. Mai 1937

Ein Flugzeug setzt Papanin mit drei Kollegen und einem Hund auf einer Eisscholle am Nordpol aus. Der Ozeanologe Schirschow hat vorher zur Sicherheit noch im Schnellverfahren Medizin studiert.

Juli

Fast neun Monate lang soll die drei Meter dicke Eisscholle nun ihr Zuhause sein. Das Wetter ist warm. Die Forscher freuen sich über Wasser im Überfluss, sie können sich waschen und Geschirr spülen. Doch das Tauwetter hält lange an. Schon im Juli gibt es auf der Eisscholle so viele Seen, dass Papanin die Depots nur noch mit einem Gummiboot erreichen kann: „Jetzt könnten keine Flugzeuge hier landen und uns wegbringen.“

September

Endlich kommt der ersehnte Winter. Papanin und seine Kollegen bauen sich aus Schneeziegeln eine luxuriöse Küche. Die Sonne schaut jetzt nur noch hin und wieder kurz über den Horizont. Die Expedition bereitet sich auf die Polarnacht vor. Alle sind erfahrene Leute, doch es gibt einen Unterschied zu ihren früheren Aufenthalten in der Polarnacht: Jetzt haben sie keinen festen Boden unter den Füßen, sondern den Abgrund.

Am 19. September hören sie ein Konzert aus dem Moskauer Konservatorium. Der Funker freut sich: „Jetzt, während der Polarnacht, werden wir alle Sender besser bekommen.“

Am 4. Oktober sehen die Männer die Sonne zum letzten Mal…

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